Kassels Innenstadt punktet bei Freizeitangebot und Erreichbarkeit

Wie sieht die Zukunft der deutschen Innenstädte aus und was wünschen sich Innenstadtbesucher von ihren Stadtzentren? Diese Fragen liegen der bundesweit angelegten Untersuchung „Vitale Innenstädte“ des IFH Köln zugrunde. Hierzu wurden Innenstadtbesucher zu ihren Einkaufsgewohnheiten und zur Attraktivität der Innenstadt befragt.  Ein wesentliches Ergebnis für Kassel: Das nordhessische Oberzentrum hat hinsichtlich der Gesamtbewertung der Attraktivität der Innenstadt im Vergleich mit anderen Städten ähnlicher Größenordnung  wie Bremerhaven, Osnabrück, Regensburg und Saarbrücken einen guten durchschnittlichen Wert erzielt.

Passanten an Imbissstand, im Hintergrund die Straßenbahn vor Geschäftshäusern.; © Stadt Kassel; Foto: Stephan Kaiser
Die sommerliche Königsstraße lädt zum Einkaufen und Verweilen ein und soll durch den anstehenden Umbau noch attraktiver werden.

Um die Innenstadt noch attraktiver zu machen, fordert Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen einen verstärkten Schulterschluss von Wirtschaft und Politik. Hilgen: „Eine lebendige Innenstadt lebt vom Zusammenspiel eines attraktiven Einzelhandels, einer Top-Erreichbarkeit und einer zeitgemäßen Erlebnis- und Aufenthaltsqualität.“ Genau aus diesem Grund bringe die Stadt derzeit die Modernisierung der Königsstraße voran.

Ziel der Untersuchung des IFH Köln ist es, den Partnern in Handel und Verwaltung dringend benötigte Basisinformationen über die Positionierung ihrer Stadt aus Sicht der Besucher als Planungsgrundlage für standortspezifische Maßnahmen zu liefern. 

Top in Kassel ist die Verkehrsanbindung. Öffentliche Verkehrsmittel (Bus und Bahn) nutzten 45,7 Prozent der Befragten, um in die Innenstadt zu kommen (Durchschnittswert der Ortsgrößen: 31 Prozent). Ebenfalls überdurchschnittlich werden in Kassel die Parkmöglichkeiten gesehen (Note 3,1; Durchschnitt der Ortsgrößen: 3,3). Außerdem nutzten die Besucher Park&Ride-Angebote überdurchschnittlich häufig (4,6 Prozent) im Vergleich zu den anderen vier Städten, (Durchschnittswert der Ortsgrößen: 1,9). Seltener als im Durchschnitt der anderen Städte greifen die Besucher der Kasseler Innenstadt für die Anreise auf Zweiräder zurück, ebenso gehen sie weniger öfter zu Fuß.


Bewertungen für Kinos und Museumslandschaft gut bis sehr gut

Gut bis sehr gut bewertet wird in der guten Stube der Fuldastadt der Freizeitfaktor wie zum Beispiel Kinos und die vielfältige Museumslandschaft. Kritischer, aber immer noch mit einem befriedigenden Ergebnis, bewerten die Besucher in Kassel den Erlebnischarakter, die Atmosphäre und die Gestaltung der Innenstadt. 56,4 Prozent der Besucher sehen Kassel sowohl als Stadt für die tägliche Versorgung als auch für Freizeit und Stadtbummel (Durchschnitt der Ortsgrößen: 52,5 Prozent).

„Gerade Kassel lädt zum entspannten Shoppingerlebnis ein, es wird wenige Städte in Deutschland geben in der es eine so vielfältige Museums- und Galerielandschaft gibt, die fußläufig zu erreichen ist. Dies, in Verbindung mit der Karlsaue und der Blumeninsel Siebenbergen, macht uns bestimmt einmalig in Deutschland. Wo sonst kann man das Einkaufserlebnis mit dem Ausblick und Genuss eines fantastischen Landschaftsparks krönen?“, sagt Angelika Hüppe, Geschäftsführerin der Kassel Marketing GmbH. „Um den Erlebnischarakter noch zu stärken, organisieren wir Innenstadtveranstaltungen wie das Frühlingserwachen, die Casseler Freyheit und natürlich den auch bei in- und ausländischen Touristen beliebten Märchenweihnachtsmarkt.“

Für 78,5 Prozent der in Kassel Befragten hat sich ihr Einkaufsverhalten in der Innenstadt durch die Möglichkeit, online einkaufen zu können, nicht verändert (Durchschnittswert der Ortsgrößen: 80,2 Prozent). Von dieser Gruppe kaufen 26,7 Prozent online ein, 51,8 Prozent nutzen den Onlineeinkauf überhaupt nicht (Durchschnittswerte der Ortsgrößen: 20,2 Prozent bzw. 60,0 Prozent). Aufgrund des Angebots im Onlinebereich frequentieren 21,5 Prozent das Zentrum seltener. Im Ortsgrößendurchschnitt liegt dieser Wert bei 19,9 Prozent. 14,5 Prozent der in Kassel Befragten nutzen die Möglichkeit online einzukaufen und Produkte im Geschäft in dieser Innenstadt abzuholen (Durchschnittswert der Ortsgrößen: 10,6 Prozent).

„Gerade der letzte Wert zeigt, dass die Verknüpfung zwischen Online- und stationärem Handel einen immer höheren Stellenwert einnimmt“, sagt Oliver Stöhr, der auf Seiten der IHK Kassel-Marburg die Untersuchung mit realisiert hat. Das durch das Internet geänderte Einkaufsverhalten der Konsumenten stelle eine große Herausforderung für den stationären Einzelhandel dar. „Die Summe der Konsumenten, die ausschließlich im Ladengeschäft einkaufen, verringert sich“, bilanziert Stöhr. Mit dem E-Commerce seien neue Akteure in den Markt getreten. So würden in Zukunft nur die Städte und Händler prosperieren, die sich die Vorteile der realen und der virtuellen Welt zunutze machen und über alle verfügbaren Kanäle Bürger, Kunden und Gäste von sich überzeugen können, ergänzt Michael Gerber, Bundesvorsitzender und Sprecher der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e. V.           

Darüber hinaus setze der demografische Wandel der Branche zu, gibt Carsten Heustock, stellvertretender Leiter des Geschäftsbereichs Standortpolitik bei der IHK Kassel-Marburg, zudem zu bedenken: „Bei einer tendenziell alternden Bevölkerungsstruktur findet ein zunehmender Wettbewerb um Kunden und Arbeitskräfte statt.“ Das Durchschnittsalter der Besucher der Kasseler Innenstadt liegt unter dem Durchschnitt der Vergleichsstädte (Kassel: 40,2 Prozent; Durchschnittswert der Ortsgrößen: 42,7 Prozent).   

Junge Frauen mit Einkaufstüten; © Stadt Kassel: Foto: Socher Beliebt: Aktionen wie das Mitternachtsshopping

Guter Mix in der Einkaufsmeile wünschenswert

Wir dürfen Online und Stationär nicht mehr gegeneinander stellen. Der Kunde entscheidet, was und wie er einkaufen möchte", sagt die Geschäftsleiterin der Kasseler Galeria-Kaufhof-Filiale, Brigitte Kritzner. "Die Händler müssen sich darauf einstellen." Entscheidend sei, dass der innerstädtische Handel seine Stärken ausspiele, auch ein guter Mix in der Einkaufsmeile sei wünschenswert. "Nur der stationäre Handel kann die Vorteile eines Produktes und seiner Eigenschaften auch physikalisch demonstrieren", erklärt Kritzner. "Die Praline kann ich in der Gourmet-Abteilung probieren, den Kaschmir-Pullover fühlen, die Schuhe anprobieren. Der stationäre Handel hat also auch weiterhin gute Argumente auf seiner Seite."

Vor allem Formate zwischen Shopping, Freizeitgestaltung und Gastronomie werden gute Chancen haben, zukunftsfähig zu sein, analysiert Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH Köln. Die Branche müsse sich neu definieren: "Der Händler vor Ort wird zum Berater, Animateur, Stylisten oder Gastronomen und bleibt eben auch Verkäufer." Jetzt sei gefragt, tragfähige Konzepte zu entwickeln und die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Lovro Mandac, Vorsitzender der Geschäftsführung GALERIA Holding GmbH, fordert, dass Politik und Handel gemeinsam hart daran arbeiten müssen, die Lebensbedingungen für die stationären Händler im Zeitalter der Digitalisierung zu sichern: "Eine Innenstadt ohne Einzelhandel ist eine tote Stadt. Mit dem Einzelhandel sterben auch die Gastronomie, die Kultur und die touristische Anziehungskraft."

Das IFH Köln arbeitete bei der bundesweit angelegten Untersuchung "Vitale Innenstädte" mit den Kooperationspartnern bcsd, HDE, Galeria Kaufhof, zwölf Industrie- und Handelskammern – darunter auch die IHK Kassel-Marburg – und vielen weiteren lokalen Partnern zusammen. In über 60 deutschen Städten aller Größen und Regionen wurden zeitgleich Innenstadtbesucher zu ihren Einkaufsgewohnheiten und die Attraktivität der Innenstadt befragt, davon 14 aus Nordhessen. Projektpartner in Kassel waren die Stadt Kassel, die Kassel Marketing GmbH und die IHK Kassel-Marburg. Die Datenerhebung erfolgte an zwei ausgewählten Tagen (Donnerstag und Samstag) im September 2014 anhand eines einheitlichen Fragebogens. Insgesamt sind so rund 33.000 Interviews zusammen gekommen.

Mit den beteiligten Kooperationspartnern IFH Köln, bcsd, HDE, Galeria Kaufhof, Industrie- und Handelskammern und weiteren lokalen Partnern haben sich alle wesentlichen Stakeholder der Innenstadt zusammengetan, um das wichtige Zukunftsthema Innenstadt umfassend beleuchten zu können. Die Untersuchung liefert sowohl allgemeine Ergebnisse zur Attraktivität von Innenstädten und die Ansprüche der Innenstadtbesucher an die Stadtzentren der Zukunft als auch spezifische Erkenntnisse zu einzelnen deutschen Städten aller Größen und Regionen.


Veröffentlicht am:   27. 01. 2015  


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