Button: Drucken Seite drucken


Neuzugewanderte entdecken Kassel: Ein Erfolgsmodell

Zu Besuch im Stadtmuseum
Die Kasseler Stadtgeschichte ist im Stadtmuseum sehr eindrucksvoll fassbar. „Wir wollen unsere Stadtgeschichte und unsere kulturellen Wurzeln vielen Neuzugewanderten zugänglich machen“, erklärt Museumsführerin Margret Baller. „Mit dieser Idee haben wir seit 2017 ca. 220 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Integrationskurse erreicht“.

In vielen Führungen fallen Sätze und Fragen wie: „Die alten Bilder von Kassel sind so schön“, „Kassel wurde auch durch Krieg zerstört?“ Vor dem Modell, das die bombardierte Stadt zeigt, herrscht oft Stille und Betroffenheit. Für Kriegsflüchtlinge ist es aber auch ermutigend zu sehen, dass Kassel wieder aufgebaut wurde. Das gibt Hoffnung, dass es für ihr Heimatland nach dem Krieg auch wieder eine Zukunft gibt.

Die Stimmung wird meistens lockerer, wenn die Führung weitergeht und die Gruppe auf die kleine, blaue „BMW-Isetta“ blickt. Für Momente der Aufheiterung sorgen vor allem die Alltagsgegenstände, über einige Ausstellungsstücke wird viel gerätselt.

„Es ist uns ein Anliegen, dass unsere Gäste eigene Erfahrungen einbringen, mitdiskutieren, sich selbst als Teil der Geschichte verstehen“, so Museumspädagoge Klaus Wölbling. Dabei bleibe viel Platz für eigene Gedanken, und Fotos könnten natürlich auch gemacht werden. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollen noch einmal kommen.

teilnehmer eines Integrationskurses im Stadtmuseum; © Stadt Kassel; Foto: Wölbling

teilnehmer eines Integrationskurses vor der BMW-Isetta im Stadtmuseum; © Stadt Kassel; Foto: Wölbling BMW-Isetta im Stadtmuseum

Die Herausforderung: Das Erschließen von Kultur für Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und die interkulturelle Öffnung des Stadtmuseums. „Aufgrund unserer langjährigen Tradition als Zuwanderungsstadt haben wir die Erfahrung gemacht, dass Integration kein Selbstläufer ist, sondern mit vielen Herausforderungen verbunden ist, die wir aktiv gestalten. Der Besuch des Stadtmuseums ist eine der Möglichkeiten, sich mit Kassel als neuem Lebensmittelpunkt auseinanderzusetzen und zu identifizieren“, betont Teslihan Ayalp. Sie koordiniert im Amt für Schule und Bildung das Programm „WIR – Wegweisende Integrationsansätze realisieren“.

Gruppe steht vor ehemaligen Polizeipräsidium; © Stadt Kassel; Foto: Eull

Entdeckungsspaziergang zu Kassels Stadtgeschichte (Sommer 2017)

Die Stadt, in der sie leben, nicht nur kennenlernen, sondern auch besser verstehen: das ermöglichte ein Entdeckungsspaziergang Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Integrationskurses. Entlang des Königstors, der Friedrich-Ebert-Straße und der Kasseler Innenstadt wurde sichtbar, in welchem Maße Kassel von Zerstörung und Wiederaufbau in der Nachkriegszeit geprägt ist. Der Rundgang soll als dauerhaftes Angebot für die Integrationskurse in Kassel etabliert werden. Der erste Spaziergang fand am 18. Juli 2017 statt.

Der Spaziergang ist ein praktisches Element, das die Themen ergänzt, die im Kurs vermittelt werden: Die Zeit des Nationalsozialismus, die Entstehung der Bundesrepublik Deutschland oder das deutsche Grundgesetz sind wichtige Bestandteile der Orientierungskurse. Mithilfe von Fotografien konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Kassel von heute mit Ansichten der Stadt aus der Vor- und Nachkriegszeit vergleichen. Die Bilder des zerstörten Kassel sorgten für staunende Ungläubigkeit. Stolpersteine und die dahinter stehenden Biographien der im Nationalsozialismus Ermordeten riefen tiefe Erschütterung hervor.

Für die inhaltliche Ausgestaltung des Spaziergangs war der Kasseler Historiker Wolfgang Matthäus vom Verein Stolpersteine verantwortlich. Ideengeberin und Organisatorin ist Teslihan Ayalp, Koordinatorin des WIR-Landesprogramms im Zukunftsbüro der Stadt Kassel. 

Gruppe mit Historiker schaut auf Stolperstein; © Stadt Kassel; Foto: Eull

Frauenhand zeigt auf Stolperstein; © Stadt Kassel; Foto: Eull


Hintergrund

Im Rahmen des vom Land Hessen geförderten Programms bietet die Stadt Kassel in Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen wie beispielsweise dem Deutschen Gewerkschaftsbund, der Polizei, oder Krankenkassen praxisnahe Bildungs- und Informationsmodule an. Zielgruppe sind die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Integrationskurse für Neuzugewanderte. Erklärungen zu Themen wie: Wie funktioniert das Gesundheitssystem? Was ist im Anerkennungsgesetz geregelt? Was macht der Ausländerbeirat? sowie Rathaus- und Stadtmuseumsführungen sollen Neuzugewanderten in den Integrationskursen die Orientierung in Kassel erleichtern.

Mit den alltagsnahen Bildungsangeboten sollen bei den Neuzugewanderten Berührungshemmnisse abgebaut und interkulturellen Missverständnissen vorgebeugt werden. Auch die teilnehmenden Institutionen profitieren: Sie erhalten durch die Rückmeldungen der Integrationskursteilnehmer Anregungen zur Verbesserung der der interkulturellen Dienstleistungs- und Servicequalität.


Seite schließen